Wie Sechstklässler mit Vorlesezauber Brücken bauen

Es begann mit einer sorgfältigen Wahl. Die Schülerinnen und Schüler der 6. Primarklasse stürzten sich in die Welt der Bilderbücher, auf der Suche nach der perfekten Geschichte. Ihre Mission: eine gemütliche Vorlesestunde für ihre Patenklasse zu gestalten. Die Entscheidung fiel jeweils auf ein Buch mit einer liebenswürdigen, charismatischen Tierfigur – ein Protagonist, der Mut, Freundschaft oder Humor verkörpert. Doch die Vorbereitung ging weit über das reine Lesen hinaus. Mit Feingefühl übten die Sechstklässler Betonung und Tempo, überlegten sich, wo man Spannung aufbauen oder eine lustige Stelle besonders auskosten könnte.

Der geniale Clou: Parallel zur literarischen Vorbereitung sorgten die Paten für ein haptisches Erlebnis. Sie besorgten ein passendes Plüschtier, das Ebenbild der Buchfigur. Dieser kuschelige Begleiter sollte nicht nur Blickfang sein, sondern als stiller Mitspieler die Geschichte lebendig machen, zum Anfassen und Drücken für kleine Hände. So wurden abstrakte Worte und Bilder zu einer greifbaren Freundschaft. Die Erstklässler hörten gebannt zu, versunken in der erzählten Welt. Sie lachten, staunten und folgten jeder Wendung der Geschichte. Die anfängliche Scheu vor den «Großen» schmolz dahin, ersetzt durch Vertrauen und Bewunderung. «Du liest so cool!», war ein oft gehörtes, begeistertes Feedback.

Das Projekt war mehr als nur eine nette Schulstunde. Für die Erstklässler war es eine wertvolle Erfahrung von Geborgenheit und Lesefreude. Sie sahen in den Sechstklässlern positive Vorbilder. Diese wiederum wuchsen über sich hinaus: Sie übernahmen Verantwortung, gewannen an Selbstsicherheit und erfuhren die beglückende Wirkung, jemandem eine Freude zu bereiten. Sie wurden zu Mentoren, zu Trägern der Vorlesekultur. Am Ende, als die letzte Seite umgeblättert war, blieben nicht nur die Erinnerung an eine schöne Geschichte, sondern gestärkte Bindungen innerhalb der Schulgemeinschaft.

Text und Fotos: Evamarie Zolliker

Zurück